Erfahrungsbericht  
 

Da, wo sich ein kleiner Bach zu einem Teich, auf dem eine Schar munterer Enten sich tummelt, erweitert, steht ein mit viel Stilgefühl und Geschick von eigener Hand ausgebautes winziges Fachwerkhaus. Dorthin werde ich gerufen zu einer noch jungen Frau, die sterben muss. Mir wird furchtbar bang ums Herz, als ich im Kreise ihrer Helfer (Ehemann, Diakonie-Schwester, Arzt) sitzend erfahre, was auf mich zukommt. Die beiden jungen Eheleute brauchen nämlich von 8 Uhr früh bis zum Spätnachmittag meine Hilfe, weil der Mann seinem Beruf nachgehen muss. Alles ist von ihm bewundernswert vorbereitet: Dreimal täglich kommen die Schwestern zur Pflege, die Medizin für jeden Tag ist fein säuberlich in einem Kästchen geordnet – morgens, mittags, abends..., die Telefonnummer des Mannes, des Arztes, der Schwestern liegen bereit, der Kühlschrank ist gefüllt mit Lebensmitteln. Ich lasse mich in die Benutzung der Maschinen einweisen und kann schließlich nur ängstlich fragen: Werde ich das alles schaffen?

Am nächsten Morgen – die Kranke ist abends zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden – betrete ich das kleine Zimmer, ihr Arbeitszimmer, in dem sie sterben wird. Es ist von ihrem Mann aufs liebevollste hergerichtet: Der Teppichboden ist bedeckt mit einem hellen, wischbaren Belag, die Wände sind geschmückt mit Bildern, Fotos, einem Kalender, mit Dingen, die die Sterbende liebt, an die sich Erinnerungen knüpfen. Im hellen Kiefernschrank befindet sich Bett- und Nachtwäsche, liegen Handtücher und Pflegemittel. Die Medikamente, auch ein Trinkglas und eine Flasche Wasser, stehen auf dem Nachtschrank, daneben eine kleine, von einer Afrika-Reise mitgebrachte Skulptur, die die Sterbende, wenn sie mag, in die Hand nehmen kann. Ihr Mann hat eine schmale Liege, auf der er nachts neben seiner Frau schlafen kann, aufgestellt, hat auch an einem bequemen Sessel für Besucher gedacht. Es gibt Kassetten, die ich in einer Musikanlage zum Klingen bringen kann, ja, ich entdecke sogar ein Buch zum Vorlesen auf einem runden Tischchen.



Und im praktischen Krankenbett liegt sie nun, die schwerkranke Frau. Der schmale Kopf ist kahl von der Chemotherapie. Mit ihren klugen Augen sieht sie mich erwartungsvoll an. Sie hat schon einen weiten Weg hinter sich, einen Weg voller Hoffen und Bangen. Doch nun weiß sie, dass sie sterben muss. Eines Morgens sucht sie meine Augen, nimmt meine Hand und sagt: „Es ist schwer, so schwer, damit fertig zu werden.“ Sie weint lautlos. „Diese Endgültigkeit..“ fügt sie hinzu. Ich nehme sie in den Arm, auch meine Tränen fließen. In einem anderen Gespräch drückt sie ihre Dankbarkeit aus für die Geborgenheit, in der sie sterben darf, spricht aber auch von dem Trennungsschmerz gegenüber ihrem Mann, mit dem sie so gute Jahre verbindet. Ich lasse sie sprechen, wage nur zu sagen: „Diese Verbindung bleibt, ich habe es selbst erfahren dürfen.“ Sie sieht fragend zu mir auf, dann nickt sie. Bei der Pflege sehe ich zum erstenmal einen Frauenkörper mit einer Brustamputationsnarbe, bin zutiefst erschüttert, ahne das damit verbundene Leid. Zu Beginn wird sie jedes Mal unruhig. Ich höre sie auch, wenn ich in der Küche das Essen zubereite, helfe ihr, in die senkrechte Lage zu kommen, streichle ihren Rücken immer wieder, immer wieder, bis sie ihre Angst verliert, die die Atemnot ja noch verstärkt. In den letzten Tagen hängt ihr Kopf dabei wie ein welkes Blümchen auf der Brust. Sie ist nun völlig ohne Kraft. Ich halte sie in meinen Armen. Da geschieht es, dass ich meinen Atem dem ihren anpasse. Es geschieht ungewollt, wie von selbst. In dieser tiefen Verbundenheit strömt neue Kraft in den elenden Körper, der sich ein wenig reckt. Obwohl die Diakonie-Schwestern die Kranke pflegerisch betreuen, ist ab und zu auch mein Einsatz erforderlich. Ich bin für die Medikamentengaben verantwortlich, sorge für die Veränderung in der Lage der Sterbenden, wische ihren Mundraum aus. Meine 
Schwierigkeit, ihr fürs Wasserlassen die Bettpfanne unterzuschieben, das durchnässte Bett- und Schlafzeug zu wechseln, lassen mich schier verzweifeln. Ich spüre,
wie ich die Sterbende mit meiner Unbeholfenheit quäle, merke mir, dass eine Unterweisung im Einsetzen der wichtigsten hilfreichen Handgriffe dringend erforderlich ist. Sie ist so tapfer, und ich stelle fest, wie der Kontakt zum sterbenden Menschen mit der Pflege seines Körpers durch den Begleiter sehr viel enger werden kann.

Die Metastasen im Gehirn machen sich zunehmend bemerkbar in der Unfähigkeit, für das, was die Sterbende sagen will, die richtigen Worte zu finden. Ich frage nicht nach, um sie nicht zu verunsichern. Die Kommunikation findet auf einer anderen Ebene statt. Nach dem Mittagsmahl – es ist nun nötig, sie zu füttern – ist unsere “blaue Stunde“. Die große Stille im Raum, vom dunklen Ton des Gerätes, das in der Matratze für den Druckausgleich sorgt, untermalt, schafft fast die Gemütlichkeit eines summenden Wasserkessels. Ich lese der jungen Frau vor, sie versteht den Inhalt nicht mehr, schläft ein, wird aber sofort wach, wenn sie meine Stimme nicht mehr hört. Dann signalisiert sie, weiterzulesen. In den ersten Tagen erzählt sie von einer Bekannten, die ihr am Weihnachtstag mit ihrem Geigenspiel eine große Freude gemacht hat. Ich kenne sie. Ein Anruf genügt. Sie kommt, sie musiziert. Tränen fließen der Sterbenden aus den Augen. Ich trockne sie. Da entwickelt sich ein wunderschönes kurzes Gespräch, das ich nicht vergessen werde. Die Geigerin sagt: „Ja, die Musik vermag Dinge auszusprechen, für die uns die Worte fehlen.“ „Sie spricht von Liebe, diese Musik“, ist die Antwort der Frau, die ganznahe vor dem Tor des Todes steht.

Sie bekommt Besuch von Freundinnen, die alle sie mit Zuneigung umgeben. Die kurzen Gespräche verebben mehr und mehr mit zunehmendem Fortschreiten der Krankheit. Als eine der Freundinnen sich in hellster Rebellion über das Bett der dem Tode Geweihten beugend, sagt: „Es ist Scheiße, alles Scheiße!“, entgegnet die so Angesprochene: „Nein, nicht alles, nicht alles!“
Die Besuche werden für die Sterbende zu anstrengend und reißen sie heraus aus dem Prozess, der nach Innen geht, halten sie zurück auf dem Weg, den sie gehen muss. Es ist nicht schwer, die verständnisvollen Frauen zu überzeugen, dass sie sich nun von der Freundin verabschieden sollten. 
Es steht schon der Todesengel am Bett der Sterbenden, als sie mit ihren Händen suchend über die Bettdecke fährt, den Kopf hin und her wendet, die Augen in die Ferne richtet und hauchend die Worte „Mama, Mama!“ formt. Ihre liebe alte Mutter durchleidet die Sterbestunden ihrer einzigen Tochter fernab von ihr, gefesselt an ein Krankenhausbett.

An ihrem Todestag ist sie nicht mehr in der Lage, die Tabletten zu schlucken. Ich rufe den Arzt, der Morphium spritzt, alles andere absetzt. Ich bitte den Ehemann zu kommen und nun zu bleiben. „Gehen Sie nicht fort“, sagt er zu mir. Er setzt sich an das Bett seiner sterbenden Frau, hält ihre rechte Hand in seinen beiden Händen. Ich hocke am Fußende. Als er in rührender Gebärde seinen Kopf neben den ihren legt, verlasse ich leise den Raum.
Später sitzen wir wieder gemeinsam am Sterbebett. Die Sterbende, nicht mehr ansprechbar, atmet ruhig mit geschlossenen Augen, ab und zu setzt der Atem aus. Eine sehr liebe Freundin kommt und löst mich ab.

Die junge Frau, mit der ich mich innigst verbunden fühle, tut ihren letzten Atemzug um 4 Uhr in der Frühe jenes Tages – ohne Schmerzen, ohne Not. Am folgenden Tag sitzen wir lange am Lager der Toten, neben der die Kerzen brennen. Ein tiefer Friede hat sich über ihr klares Gesicht ausgebreitet. Wir betten sie zur letzten Ruhe, während sich ihre Mutter einer schwierigen Operation unterziehen muss.
Es lag ein Segen über diesen Sterbetagen im kleinen Haus am Teich.

 


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